Texte

   Wildä Stiär, Goldach, März 2009, Buchpremiere "Zahnarztgeschichten"

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   TEXT DES MONATS MÄRZ 2010


   Einseitig


   Der Himmel hängt
   Voller Gedichte

   Ich habe sie
   Für dich aufgehängt

   Du wartest nur
   Auf den nächsten Regen   
 

   TEXT DES MONATS MAI 2009


   Die Fähre
  
   Am Mann hat ein Freitag seine Fähre auf dem Auto Horgen-Meilen vergessen. Zu      Bord ging er von Fuss und merkte es erst, als die See schon wieder abgelegt hatte.     Die See fuhr als Auto zurück über den blinden Passagier.    

  

   TEXT DES MONATS MÄRZ 2009

  
   Februarmorgen

   Im Nebel ruht die Welt
   Fest schlafen Wald und Wiesen 
   Bald sieht man
   Wenn der graue Schleier fällt
   Den alten Mann
   Wie von der Strasse weggewiesen 
   Im kleinen Auto unverstellt  
                                                                                                                                


   TEXT DES MONATS JANUAR 2009

   
   Neujahr                                                                                                                 
  
   Das neue Jahr
   Spaltet die Glocken
  
   Verlassen steht der Turm
   Hinter den Sandkästen
  
   Wer schreit das Chaos
   In den Winter
 
   Sag bist du es


   TEXT DES MONATS NOVEMBER 2008


   High Noon

   
Ein Wanderer steht      
   Punkt 12 Uhr
   Vor einer Bergwand
   Zieht den Revolver
   Und feuert
   3 Schüsse ab

   Aus einer Ritze
   Fliesst Blut
   Bevor der Berg
   Ohne Echo
   Zu Boden fällt
   Und regungslos
   Liegen bleibt
                                                                                                                              

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   PROSA

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   Die Andere

   Zwischen Wil und Bütschwil verliebte er sich in eine Frau. Zwischen Bütschwil und     Wattwil in eine zweite. War er mit der ersten zusammen, dachte er immer an die     zweite, war er mit der zweiten zusammen, dachte er immer an die erste. Eines     Morgens fragte ihn die erste Frau: "Woran denkst du gerade?" "Ich denke an eine     andere Frau." Und wann denkst du denn einmal an mich?" "Wenn ich bei der anderen     Frau bin." "Dann geh jetzt“, sagte die erste Frau, "und komm erst am Abend wieder     zurück." Für den Rest des Tages freute sie sich, dass der Mann so lange an sie     dachte.

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   Die Coupons

   Wenn die beiden sich stritten, nahm er einen Coupon hervor und übergab ihn seiner     Frau. Dann musste sie unverzüglich schweigen. Sie hatte ebensoviele     Schweigecoupons wie er. Diese wurden zu Beginn des Jahres gleichmässig auf beide     verteilt. Wenn alle Coupons aufgebraucht waren, stritten sie sich nicht mehr und     genossen den Rest des Jahres.

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   Die Pendlerin

   Meine Grossmutter ist oft mit dem Zug unterwegs. Heute fährt sie nach Chiasso,     morgen nach Poschiavo und übermorgen nach Brig. Am Abend kommt sie jeweils spät     nach Hause und fällt müde ins Bett. Mit den Menschen spricht sie nie unterwegs.     Vielmehr denkt sie an meinen Grossvater, der zu Hause sitzt und kaum mehr gehen     und sehen kann. Wenn meine Grossmutter nach Hause kommt und ins Bett fällt, ist     mein Grossvater noch wach und fragt meine Grossmutter: "Was hast du heute alles     gesehen?" Und meine Grossmutter erzählt ihm dann: "Ich habe einen Baum gesehen,     der sich wie ein Affe bewegt" oder "ich habe ein Haus gesehen, das wie eine     Schuhschachtel aussieht." Meine Grossmutter erzählt meinem Grossvater viel und     sehr genau. Um Mitternacht halten sich beide die Hände, schauen sich liebevoll an und     schweigen. "Ich muss jetzt schlafen", sagt sie dann, "morgen fahre ich nach Vevey     oder nach Yverdon oder nach Murten." Mein Grossvater löscht dann das Licht und     träumt ganz fest.

   (alle Texte aus: "Die Liebe wurde an einem Dienstag erfunden", 120     Geschichten, Nimrod-Literaturverlag, Zürich, 2006)

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   Der Anfang

   Als der Frühling kam, stieg er auf seinen hohen Baum, setzte sich auf einen Ast,     sägte den Ast durch und fiel vom Baum herunter. Dann ging er ins Haus, verband sich,     stieg erneut auf den Baum, setzte sich, sägte den nächsten Ast durch und fiel vom     Baum herunter. Als der Baum keinen Ast mehr trug, hatte er den ganzen Körper     eingebunden. Dann setzte er sich zufrieden auf die Bank unter dem Baum.

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   Die Verbündeten

   Ein dicker Mann war in der Badewanne ausgerutscht und auf den Rücken gefallen.     "Hilfe!", schrie er gegen das offene Badezimmerfenster. "Ich komme nicht mehr aus der     Badewanne heraus!"
   "Wir auch nicht!" schrien die Nachbarn durch ihre offenen Fenster.

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   Die Versicherung

   Er hatte sich vorgenommen, berühmt zu werden. Um seine Berühmtheit zu sichern,     reiste er in der ganzen Welt umher, spürte alle bekannten Lokale auf und liess gegen     einen beachtlichen Geldbetrag sein Schildchen an der Wand anbringen: Hier sass     Andreas Meier, Schriftsteller. Als er von seiner Weltreise zurückkehrte, fiel er vor     Erschöpfung tot um. Er musste vom Sozialamt begraben werden. Sein erstes Buch ist     nie fertig geworden. Seine Schildchen sind heute in der ganzen Welt bekannt.

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   Das Gedicht

   Er stieg auf den Berg und steckte die Fahne in den Boden. Dann stieg er hinunter und     beobachtete seine Fahne durch ein Fernrohr. Wenn sie durch eine andere ersetzt     wurde, stieg er wieder hinauf und tauschte die fremde gegen eine eigene ein. Jahrelang.

   Als er eines Tages auf den Berg stieg, um seine Fahne zum 317. Mal in den Boden zu     stecken, standen einige Männer auf dem Gipfel und versperrten ihm den Weg. Als er     seine Fahne fünf Meter weiter unten einstecken wollte, wurde er gestossen.

   Jetzt steht an der Absturzstelle eine grosse Fahne. Darauf das Gedicht, das er     jahrelang den Berg hinaufgetragen hatte.

   (alle Texte aus: "Wenn sein Herz nicht mehr geht, dann repariert man es und     gibt es den Kühen weiter", Verlag im Waldgut, Frauenfeld, 2000)

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   Buchhandlung Vulkan, Wil, 2002, Buchpremiere "Ich drehe den Hals um -     Genickstarre"

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   GEDICHTE

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   Identität

   Ich bin Schweizer
   Nicht zu gross
   Nicht zu klein
   Hochkarätig
   30 mal neutral
   100 mal verschwiegen
   Frei
   Um mich Europa

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   Getroffen

   Schläfrig die Sprache der Nüsse
   Verändert das Moos im Herbst
   Der Wald davongelaufen

   Eine Hand schleudert das letzte Wort
   In den weiten Schlaf

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   Zeugenhaft

   Das Blatt am Baum
   Verweigert die Aussage
   Über den roten Fluss

   Bald gefriert das Meer
   Und die Möwen werden sagen
   Recht so

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   Veränderung

   Die Dinge
   Die Bestand haben wollen
   Müssen verschwinden
   Sagte der volle Kübel
   Und leerte sich aus

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   Richtungswechsel

   Kies und Schotter
   Verweigern das Delta
   Und rollen wieder
   Den Fluss hinauf
   Zurück zur Quelle

   Das Echo steht herum
   Mit offenem Mund
   Sprachlos

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   Gefangen

   Wir Fledermäuse
   In der Umarmung
   Der Nacht
   Wollen fliehen
   Die Schwerkraft
   Und kleben
   Am verlorenen Horizont

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   Der Mangel

   Diesen Worten fehlt nichts
   Dieser Zeile fehlt nichts
   Diesem Gedicht fehlt nichts
   Mir fehlt auch nichts
   Ich habe nur den Verdacht
   Dass dir etwas fehlt
   Vielleicht fehlst du dem Gedicht

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   Prosit

   Auf das Gedicht
   Das hier nicht ist
   Es lebe ewig

   (alle Texte aus: "Ich drehe den Hals um - Genickstarre", Nimrod-Literaturverlag,      Zürich, 2002)

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   Buchhandlung Vulkan, Wil, 2002 (Foto: Natalie Widmer)

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